Verbreitung des philippinischen Stockkampfes

Aufgrund der langen Besatzungszeit durch die Spanier und Amerikaner war das philippinische Nationalbewusstsein ziemlich am Boden. Das hatte zur Folge, dass ausländische Kampfsportarten bevorzugt wurden und Arnis als „nur“ philippinisch abgetan wurde.

Es gab auf den Philippinen zwei Familien, die sich schon seit den 30er Jahren intensiv um die Verbreitung des philippinischen Stockkampfes bemüht haben. Zu einer Zeit also, wo Arnis nur an Familienmitglieder weitergegeben und ansonsten fast totgeschwiegen wurde. Es handelt sich um die Familie Canete mit ihrem 1932 auf Cebu gegründeten „Doce Pares Club“ und die Familie Presas, allen voran Ernesto und Remy.

Durch ihr konsequentes Training der verschiedenen Stile, deren Weiterentwicklung und Modernisierung und auch durch Öffentlichkeitsarbeit sowie Vorführungen und Publikationen wurde den Filipinos klar, dass sie auch eine eigene, sehr effektive und gute Kampfkunst besitzen. Diese Entwicklung ging einher mit einer Stärkung des Nationalbewusstseins. Nachdem Arnis auch internationale Anerkennung erlangt hatte und z. B. in den USA sehr beliebt wurde, versuchten viele, die nur Grundkenntnisse erworben oder bisher ihr Arnis verschwiegen hatten, „mit dem Strom“ zu schwimmen und nannten sich auch „Meister“.

Kampfsport Arnis

Nach philippinischem Verständnis beginnt der „Meistergrad“ aber nicht mit dem ersten Dan, dem sogenannten LAKAN ISA. Die Grade zwischen dem ersten und fünften Dan sind die Expertengrade, 6.-8. Dan sind die Meistergrade und der Titel des Großmeisters ist der Graduierung des 9. und 10. Dan Vorbehalten. Dies ist eine sehr vernünftige Einteilung, da ja wohl niemand behaupten kann, ein System mit dem 1. Dan, den man bei intensivem Training innerhalb von 2 bis 3 Jahren erreichen kann, gemeistert zu haben. Beim 6. Dan kann man wohl schon eher davon ausgehen.

Lockerheit und Geschwindigkeit

Welche Voraussetzungen muss nun jemand mitbringen, der irgendwann Experte oder gar Meister werden will? Es sind keinerlei körperliche Voraussetzungen wie besondere Stärke, Gewicht oder Größe notwendig, um Arnis effektiv betreiben zu können. Im Gegensatz zu vielen anderen Kampfsportarten, wo die Kraft doch ein mehr oder weniger wichtiger Bestandteil der Technik ist, geht es im Arnis nur um die Lockerheit und Geschwindigkeit.

Den Rest besorgt der Stock oder die Waffe, die man führt.

Die größtmögliche Geschwindigkeit erreicht man, indem man möglichst viele der Muskeln, die nicht zum Einsatz kommen, entspannt. Spannt man zu viele an der Bewegung unbeteiligte Muskeln an, wird man langsamer und schneller müde. Wer das Glück hatte, Großmeister Presas auf einer seiner Vorführungen sehen zu können, dem wird sicherlich aufgefallen sein, dass er immer erklärt und redet, auch während er die Technik ausführt. Mitunter über eine halbe oder eine Dreiviertelstunde lang, ohne müde zu werden oder außer Atem zu geraten.

Arnis Training

Ein Beispiel, was richtige Lockerheit bewirken kann, ohne dass die Techniken lasch werden, da die Geschwindigkeit entscheidend ist. Im Anfängertraining wird darauf geachtet, dass der Schüler Respekt vor der Wirkung des Stockes bekommt. Es wird sehr viel Wert auf die Kontrolle, das Abstoppen des Schlages gelegt, da ein „versehentliches“ Treffen am Kopf oder an der Hand sehr schmerzhafte Folgen hätte. Der Schüler wird stufenweise in die verschiedenen Methoden (ein Stock, zwei Stöcke, waffenlos, Kurz-Lang-Stock) wie auch in die verschiedenen Stile des Arnis eingeweiht.

Arnis ohne Stock

Neben dem Fassen und dem Locker-Sein ist ein weiteres wichtiges Moment im Arnis das Prinzip. Das Prinzip, die mit dem Stock gelernten Techniken umzusetzen, d.h. sie auch mit anderen Gegenständen ausführen zu können. Jedem Arnis-Kämpfer wird das Argument „und was machst du, wenn du keinen Stock dabei hast?“ zu Ohren gekommen sein.

Dieses Argument ist insofern nicht stichhaltig, als Arnis nicht „nur“ Stockkampf ist. Es kommt darauf an, die erlernten Techniken mit jedem Gegenstand, der zur Hand ist, auszuführen. So kann man mit dem Spazierstock, dem Regenschirm, der Cola-Flasche, der Sport- oder Handtasche, einem Schuh, ja sogar mit einem Handtuch oder einem Kugelschreiber Arnis effektiv anwenden. Hat man keinen Gegenstand, führen wir die Techniken waffenlos aus. Diese allumfassende Anwendbarkeit macht sicherlich einen Großteil der Faszination des Arnis aus, ähnlich wie z. B. die Geschwindigkeit bei den Ein oder Doppelstockwirbeltechniken, die sicherlich einen weiteren Glanzpunkt des Arnis darstellen. Außerdem wird die Reaktion in umfassendem Maße trainiert, wie Arnis auch eine hervorragende Konzentrations- und Koordinationsschulung darstellt.

Arnis als Wettkampf Sport

Im Fortgeschrittenenstadium wird das periphere Sehen geschult. Einen Angriff sehen ohne hinzuschauen und trotzdem korrekt darauf reagieren zu können. Ein sehr schwieriges und dennoch wichtiges Trainingselement. Arnis ist aber auch ein Wettkampfsport. Dies wird nicht zuletzt dadurch belegt, dass die DAKO im November 1984 die fünften deutschen Arnis-Meisterschaften in Kampf und Kata abhalten konnte.

Arnis Wettkampf

Es wird mit gepolsterten Stöcken, mit Kopf-, Hals- und Körperschutz in Kontaktstil gekämpft. Der Kampf dauert zwei Minuten oder solange, bis einer der beiden Kämpfer vier Punkte erreicht hat.

Da Arnis sehr schnell ist, wird ein Kampf in den seltensten Fällen durch den Ablauf der Zeit entschieden. Obwohl mit Kontakt gekämpft wurde, liefen alle fünf Meisterschaften bisher ohne Verletzungen ab.

Wie Arnis nach Deutschland kam

Arnis wurde in der zweiten Hälfte der 70er Jahre durch den damals in Belgien lebenden Arnis Experten J. Cui Brocka in Europa eingeführt. 1979 lud ihn DAKO-Bundestrainer Hans Dieter Rauscher zu Lehrgängen nach Freiburg ein und so begann das Arnis in Deutschland. Obwohl in Deutschland noch absolut unbekannt, fand es schnell viele Anhänger, so dass schon 1980 die ersten deutschen Meisterschaften abgehalten werden konnten. Auch in den folgenden Jahren wurde mit J. C. Brocka, obwohl inzwischen in den USA lebend, zusammengearbeitet und Lehrgänge und Meisterschaften abgehalten. Ende 1983 trennte sich die DAKO (vormals IPMAA) von Herrn Brocka, da aus verschiedenen Gründen eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr sinnvoll erschien. Daraufhin nahm Arnis-Bundestrainer Dieter Knüttel Kontakt mit Großmeister Ernesto A. Presas in Manila auf. Er hatte während seines mehrmonatigen Philippinen-Aufenthaltes schon viel bei ihm trainiert und erhielt von Großmeister Presas in Manila den vierten Dan im Modern Arnis. Die weitere – Betreuung der Arnis-Sportler in Deutschland durch einen absoluten Spitzenmann sollte gewahrt bleiben, denn Großmeister Presas besuchte Deutschland im Mai und Oktober/November 1984 für zwei Tourneen. Er unterrichtete auf Lehrgängen jeweils in Freiburg, Ulm, Essen, Stuttgart und Braunschweig. Auch der Deutschen Sporthochschule in Köln stattete er Besuche ab, bei denen er auch vom Rektor der DSHS, Herrn Professor Quanz, empfangen wurde. Die Besuche gaben dem Arnis in Deutschland mit Sicherheit Impulse und brachten es auch technisch einen großen Schritt voran, was sich auch daran zeigt, dass Dieter Knüttel im Mai 1984 nach einer technischen Prüfung der 5. Dan als bisher höchster Arnis Dan-Grad in Europa verliehen wurde.

Einer der maßgeblichsten Pioniere für das Arnis in Deutschland ist der Freiburger H. D. Rauscher, welcher diese Disziplin hier mit vorbildlichem Einsatz einführte. Auch innerhalb Europas scheint Arnis auf immer mehr Interesse zu stoßen, so gab DAKO-Bundestrainer Knüttel 1984 schon mehrere Lehrgänge in Dänemark und in der Schweiz und für Frühjahr 1985 liegen schon Einladungen aus Dänemark, Holland und Spanien vor.

Fragen und Antworten in der Philippinischen Kampfkunst Modern Arnis findest Du hier: Arnis Forum