Die Reaktionszeit im Karate

Im Karate sind schnelle Reaktionen und damit auch kurze Reaktionszeiten (RZ) notwendig, um den Angriffen rechtzeitig und angemessen begegnen zu können. Dass der Reaktion komplexe Entscheidungsprozesse vorausgehen müssen, wird schon aus der Kompliziertheit einer „einfachen“ Kombination auf die reagiert werden muss, deutlich.

Reaktionen im Karate werden als bewußte Antworten auf einen Reiz verstanden, oder als spontanes Erfassen einer Situation. Nakayama betrachtet das Problem der RZ bei Abwehr und Konter als einen Prozess, der von dem bewussten Üben festgelegter Bewegungsfolgen, über das Üben mit immer mehr unbekannten Komponenten, bis zum freien Kampf führt. Gleichzeitig mit diesem Vorgang soll die Zeit, die für die Entscheidungen über die Reaktion benötigt wird, reduziert werden bis zu blitzartigen Entscheidungen, die ohne langes Überlegen erfolgen.

Zeit zwischen Angriff und Reaktion

Angriff Reaktion

Der zentrale Punkt beim Karatekampf ist also die Zeit, die vom Angriff des Gegners bis zum Starten der eigenen Gegenaktion vergeht. Dabei können optische Reize z. B. Körperstellungsänderungen oder akustische Reize z. B. Geräusche des Anzugs als Auslöser für Entscheidungsprozesse dienen. Die RZ auf einfache optische Reize (z. B. Aufleuchten von Lampen) und akustische Reize (z. B. Klingel, Summton) liegen bei ca. 180 msec für optische Reize und bei ca. 140 msec für akustische Reize.

Die These, dass Sportler schnellere Reaktionszeiten haben als Nichtsportler muss jedoch dahingehend relativiert werden, dass bei Reaktionszeit-Tests auf Lämpchen oder Schallsignale Sportler keine besseren Reaktionszeit als Nichtsportler hatten. Der Karate Sportler hat vielmehr durch Einschätzen der Situation usw. einen schwierigen Entscheidungsprozess zu leisten, der weit über die eigentliche Reaktionszeit hinausgeht. Dabei spielen Antizipationsprozesse mit Sicherheit eine entscheidende Rolle z. B. Geräusche wie das Aufspringen von Bällen, Kontaktgeräusche der Füße usw. Die optimale Vorperiode und damit die Zeit, die vor dem Beginn der Reaktion unbedingt liegen muss, um die Antizipation ausnutzen zu können, wird mit 1,5 sec angegeben.

Denkprozess entscheidende Rolle im Karate

Obwohl bei Sportlern unterschiedlicher Sportarten teilweise verschiedene Reaktionszeit gemessen wurden, muss davon ausgegangen werden, dass die Denkprozesse Vorrang vor schnellen einfachen Reaktionszeit beim Reagieren in komplexen Situationen haben und kompensatorisch wirken können.

Karate Denkprozess

Die Reaktionszeit im Karate ist stark abhängig von der Übung. Der Übungsgewinn ist sowohl auf eine Vereinfachung der Reizverarbeitung als auch der Abrufbarkeit der Reaktionsbewegung zurückzuführen. Auf einfache Reize, d. h. auf Reize, denen eine Reaktion eindeutig zugeordnet ist, kann vorprogrammiert reagiert werden. Bei Wahlreaktionen, d. h. in Situationen, in denen verschiedenen Reizen unterschiedliche Reaktionen zugeordnet werden müssen, kann erst nachdem das Reaktionsintervall begonnen hat, die Antwort programmiert werden. Die Reaktionszeit im Karate hängt außerdem von der empfundenen Reizintensität und dem Grad des Aufwärmens ab. Darüber hinaus spielt auch der psychische Zustand und das Lebensalter eine Rolle. So wird angenommen, dass zwischen dem 20.-30. Lebensjahr die kürzesten Reaktionszeit im Karate erreicht werden und ab dem 60. Lebensjahr eine deutliche Verlängerung der Reaktionszeit eintritt.

Die Frage, ob jemand, der mit den Händen schnell reagiert, auch mit den Füßen schnell ist, gilt als unentschieden. Auch wer auf optische Reize schnell reagiert, muss dies nicht unbedingt auf akustische Reize tun. Andere Autoren dagegen halten die Reaktionszeit für übertragbar. Dabei geht Farvel nach Untersuchungen davon aus, dass ein Transfer (eine Übertragung) der motorischen Erfahrung auf andere Situationen stattfindet.

Untersuchungen der Karate Sportler

Karate Sportler

In Untersuchungen (zeigte sich, dass Karateka durchschnittlich eine Reaktionszeit von 0,3 sec benötigen, um mit einer beliebigen Karatetechnik auf unterschiedlich angebrachte, aufleuchtende Lämpchen zu reagieren. Wird dagegen auf reale Karatetechniken reagiert, so benötigt die durchschnittliche Reaktionszeit 0,8 sec., d. h. für die Erkennung, welche Karatetechnik der Gegner als Angriff benutzt, werden 0,5 sec mehr benötigt. Dabei ist interessant, dass sehr gute Karateka darum bemüht sind, möglichst viel Zeit bis zu ihrer Reaktion verstreichen zu lassen, was wahrscheinlich die Auswahl der richtigen Gegenaktion begünstigt.

Die Karateka hielten immer schon vor der konkreten Situation ein eigenes Programm über die Technik, die sie als Gegenaktion einsetzen wollten, bereit. Wurden diese vorprogrammierten Techniken abgerufen, so waren die Reaktionszeit erheblich kürzer. War dieses Programm nicht der Situation adäquat, dann konnten Alternativprogramme abgerufen werden. Um geplante oder bereits begonnene Reaktionen anzubrechen, wurden ca. 1 sec benötigt. Es wurde kein Unterschied in den RZ mit nachfolgenden Fuß- oder Fausttechniken (Keri oder Tsuki) festgestellt. Entweder haben Fuß- und Fausttechniken die gleiche Komplexitätsstufe bei der Abrufbarkeit oder gleich gekonnte Techniken werden als Ganzes abgerufen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Komplexität. Eine Verlängerung der RZ ist daher wahrscheinlich nicht auf unterschiedliche Schwierigkeit der Techniken zurückzuführen, sondern auf mangelnde Geübtheit.

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