Die Wende bei den Karate-Filmen

Man konnte es kaum glauben, aber mit diesem Satz von Gichin Funakoshi, dem Leitspruch der Japan Karate Association (J.K.A.) warb der damalige US-Karate-film: „Karate Kid“!!!

Was zuvor nicht für möglich gehalten wurde ist eingetreten. Das Karate erfuhr in seiner Darstellung durch die Filmmedien einen Bezug auf seine eigentliche Sinngebung. Nachdem was wir bislang so alles aus Fernost- und US-Produktionen sehen „durften“, ein geradezu ungelaublicher Sinneswandel, herrschte bislang dort doch die Produktionsmeinung vor – Action + Power gleich Profit. Vor diesem sich all die Jahre bewahrheitenden Hintergrund erscheint die Filmproduktion „Karate Kid“ als ein totgeborenes Kind, weil diese vermeintlich an den Wünschen und Vorstellungen des breiten Publikums vorbeiproduziert scheint. Auf den ersten Blick könnte man dies meinen, doch bereits in den USA gelang Regisseur John G. Avildsen, der ja bereits mit „Rocky“ enorm erfolgreich war, der Durchbruch. Die Pressestimmen in den USA beweisen dies, schreibt doch z. B. die Los Angeles Times: „Karate Kid“ ist der Film dieses Jahres. Die New York Post schreibt: „Karate Kid“ lässt die Herzen höher schlagen. Ein „Rocky“ für die Teenies. Los Angeles Movie

Training Karate

schrieb: „Karate Kid ist mehr als nur die Geschichte eines Jungen, der sich an seinen Peinigern rächt! Es ist die Geschichte eines Jungen, der sein Leben selbst in die Hand nimmt. Und eine Geschichte über Freundschaft, Erwachsenwerden, Reifen.“ Gannett News Service schreibt: „Karate Kid“ ist der konkurrenzlose Kinorenner für die Jugend in diesem Jahr, bei dem auch Erwachsene ihren Spaß haben, …

Eine Resonanz, die beinahe unglaublich erscheint und die Frage aufwirft, wo liegt das Geheimnis dieses Filmes?

Der Inhalt des Filmes

„Karate Kid“ – das ist der 16jährige Daniel, dargestellt von Hollywoods neuem Jugendstar Ralph Macchio. Er wird vom Ex-Lover seiner Freundin und dessen Clique tyrannisiert und schikaniert. Daniel hat keine Chancen, denn die Jungs sind verbissene Karate-Kämpfer. Hilfe, Verständnis und väterliche Zuneigung findet Daniel, der alleine mit seiner Mutter lebt, im japanischen Hausmeister Miyagi (Noriyuki „Pat“ Morita). Er weiht Daniel in die Künste, Tricks und Feinheiten von Karate ein, so dass Daniel sein Selbstvertrauen wieder findet. Bei der lokalen Karate-Meisterschaft schließlich trifft Daniel im Finale auf seinen Widersacher und Feind. In einem dramatischen Kampf besiegt ihn Daniel -und letztendlich auch sich selbst. Er ist erwachsen geworden.

Der Inhalt allein kann also diese Resonanz nicht bewirkt haben, vielmehr sind es die Inhalte des Filmherganges.

Karate Kampf

Um es gleich vorweg zu sagen: Karate Kid ist kein „Eastern“ ä la Bruce Lee mit lebenden Kampfmaschinen und Handkanten-Trommelfeuer. Der neue Film von „Rocky“-Regisseur John G. Avildsen zeigt weniger den kämpferischen Aspekt des Karate-Sports, sondern mehr seine geistig philosophische Dimension. So wie „Rocky“ kein reiner Boxer-Film war, so wird hier Karate als geistige Kunstform, einer Mischung aus Kopf, Mystik und zuletzt Muskeln dargestellt. Hier liegt also die Publikumswirkung, welche andere Produzenten und Regisseure mit dieser Konzeption nicht für bewirk bar hielten. Nicht Kampfkunsteffekte, sondern Kampfkunstessenz stehen bei diesem Karate-Film im Vordergrund, was mit nachstehendem Beispiel noch deutlicher wird.

Das erste Karate-Training welches „Karate Kid“ bei seinem japanischem Trainer Miyagi erfährt, besteht nicht aus Schlagen, Treten und Tricks erlernen. Vielmehr lässt Miyagi seinen Schüler die Autos waschen, beidhändig links und rechts kreisend; er lässt seinen Gartenzaun von ihm streichen, beidhändig links und rechts und von unten nach oben, von oben nach unten; er fährt mit ihm zum Angeln und lässt ihn auf dem wackeligen Ruderboot balancieren… „Karate Kid“ ist erschöpft und verzweifelt. Was hat das alles mit Karate zu tun?

Karate Konzentration

Dies mag sich auch so mancher Zuschauer fragen, doch der Film gibt die Antwort – Kampf gegen sich selbst, Folgsamkeit gegenüber dem Meister, Durchstehvermögen, Konzentration und Ausgeglichenheit sind es letztlich, welche Daniel zum „Karate Kid“ werden lassen, zum Sieger – und zum Sieger über sich selbst, zu einem erwachsenen Menschen.

Weniger ist oft mehr

Sich selbst besiegen und reifen ist also das eigentliche Thema dieses Filmes, welches zugleich die Thematik jeder Budodisziplin schlechthin ist. Natürlich verzichtet dieser Film nicht auf spektakuläre Kampfszenen und Actionseinlagen. Entscheidend hierbei ist jedoch, dass alles Tun und Handeln innerhalb dieses Filmes einer budospezifischen Intention entspricht und letztlich darin mündet – sich selbst zu besiegen und zu reifen.

Wie alle Filme, welche sich auf dem freien markt behaupten müssen, unterliegt natürlich auch „Karate Kid“ Klischees, welche bei stilreinen Karatekas zur voreiligen Kritik verleiten. Doch vor dem Hintergrund, welches Image unser Sport derzeit noch in der Öffentlichkeit „genießt“ und vor dem Hintergrund des Machbaren, sollte man darauf nicht einsteigen. Man sollte auch einmal das Positive sehen und zu reflektieren lernen und nicht gleich alles verlangen, denn weniger ist oft mehr.

Karate Film

„Karate Kid“ ist der erste Film, der unseren Sport jenseits von purer Gewalt, Aggression und letztlich in gewisser Weise auch von Asozialität, einer großen Öffentlichkeit näherbringt. Von daher ist er bereits vor seiner anstehenden Deutschlandpremiere die Nr. 1 der Karatefilme in dieser Richtung in den Deutschen Kinos. Das hier Enthusiasten mit am Werk waren, beweist die Seite 15 der Erläuterungsbroschüre zu diesem Film, wo es u. a. heißt:

„Das erste, was ein Karateka lernen muß sind Stellungen, die unbequem sind, deren Sinn man zunächst nicht einsieht. Dann kommt das langweilige Lernen der einzelnen Techniken im Kihon, der Grundschule. Diese Zeit ist sehr hart. Man muss sich dauernd selbst überwinden, sich konzentrieren, mit Verstand an die Techniken herangehen, sie ausdauernd und selbstkritisch üben. Schon das allein ist eine harte Schule für den einzelnen. Sie fördert und entwickelt Konzentration, Durchdenken, Willen und Selbstkontrolle – alles Eigenschaften, die uns im täglichen Leben sehr von Nutzen sind. Karate als Lebensschule!“

und weiter heißt es:

„Ein Mensch reift im Lebenskampf. Ein Mensch, der durch einen harten Lebenskampf hindurch musste, und darin nicht zerbrach, ist gesetzt, ist weise und von innerer Überlegenheit. Das gleiche Ziel hat das wahre Karate im Auge: Durch den Kampf gegen sich selbst und später den Kampf mit dem Gegner zu dieser Lebenshaltung hinzuführen.

In Deutschland wurde Karate 1957 von dem Bad Homburger Schriftsteller Jürgen Seydel eingeführt, der auch den Deutschen Karate-Bund e.V. gründete.“

„Karate Kid“ startete am 9. November 1984 in den Deutschen Kinos.