Karate in Polen – Die Anfänge

Der Karate-Boom der letzten Jahre hat auch vor den Ländern des Ostblocks nicht haltgemacht. Schon relativ früh begann man in der Tschechoslowakei, teils durch Schützenhilfe aus Deutschland und Österreich, Karate zu trainieren, unter Voraussetzungen, die jedem Karate-Pionier hinlänglich bekannt sein dürften. In Polen wird Karate erst seit wenigen Jahren trainiert. Trotz dieser kurzen Zeit hat sich Polen zum mitgliederstärksten Ost-Verband (ausgenommen Jugoslawien) entwickelt, was auf die wohlwollende Unterstützung durch die Behörden zurückzuführen ist.

Als erstes Ostblockland nahm Polen damals an einer Europameisterschaft teil. Freilich waren die Polen nicht zum Siegen gekommen. Man wollte lernen, Erfahrungen sammeln, dabei sein. Aber wie war es eigentlich soweit gekommen?

Erste Anfänge gehen auf das Jahr 1971 zurück. Ohne voneinander zu wissen, begannen Ing. llukowicz in Poznan (Posen), Ing. Krukowski in Szczecin (Stettin), Drewniak in Krakow (Krakau), Trofimow in Warszawa (Warschau) und ein Japaner namens Tamaro Shimoda, 3. Dan Shotokan-Karate, in Lodz. Quellen waren hauptsächlich Bücher von Habersetzer, Seydel u.a., sowie Besuche von Karate treibenden Touristen.

Spaltung der Karate-Gruppen

Leider zog sich bereits zu diesem Zeitpunkt eine Kluft zwischen die Karategruppen. Hier Kyokushinkai, dort der Rest, wobei Shotokan die Majorität besaß. Erste Kontakte zu einem Zusammenschluss scheiterten vielleicht auch deshalb, weil einerseits die Shotokan-Grade nur mühsam errungen werden konnten, andererseits Kyokushinkai-Trainer mit der Verleihung von Kyu-Graden nicht zimperlich waren. Ein Student aus Stettin, der damals Shotokan begonnen hatte und blutiger Anfänger war, sah sich z.B. nach einer Woche Kyokushinkai-Training als 4. Kyu wieder, um nur ein Beispiel zu nennen.

1973 fand in Stettin ein vergleichender Wettkampf statt. Der Sieg der Shotokan-Leute ist Nebensache. Wichtiger wäre gewesen, eine Rückeinladung nach Krakau auszusprechen, was leider nicht erfolgt ist, auch von Kontakten in anderer Form konnte damals nicht die Rede sein. Mitentscheidend waren sicherlich, dass die Erreichung von möglichst hohen Kyu-Graden in Krakau im Vordergrund stand, was den Stettinern wiederum nicht behagte. Während die Shotokan-Prüfungen streng und und in großen Intervallen abgehalten wurden, wimmelte es in Oberschlesien bald von Braungurten, ja sogar einen Dan-Träger hatte man bald. Und dass dieser (Drewniak) keine Urkunde vorweisen konnte und auch keine andere Legitimation hatte, störte außer den Stettinern niemand.

Jedem Pionier der älteren Karate-Nationen sind derlei Methoden nicht unbekannt, sind sie doch symptomatisch für die erste Entwicklungsphase. Zu begrüßen wäre gewesen, wenn der Aufbau des Karate in Polen (egal welches System) nicht die Jagd nach dem Gürte: zum Leitmotiv dieser Gruppe avanciert hätte.

Alle einigungswilligen Karatekas trafen sich 1973 in Swinoujscie zur Sommerschule unter Josef Zverina aus Prag. Das war die Geburtsstunde des im Anschluss daran gegründeten Verbandes. Zum Präsidenten wurde Ing. Kazi-mierz Krukowski, zum Sekretär Ing. Przemyslaw Ilukowicz gewählt. In der darauffolgenden Zeit gab es mehrmals Trainer-Besuch durch Ivan Vlcek (Prag), ebenso wie Zverina damals ein Schüler von Wolfgang Hertinger.

Karate Trainingsgruppe
1. Sommerschule der Trainingsgruppe 1973

1974 weilte eine polnische Delegation anlässlich der CSSR-Meisterschaft in Prag. Dort wurde Kontakt mit Hartinger aufgenommen, der die Meisterschaft zusammen mit Dr. Vladimir Jorga als Hauptkampfrichter leitete. Es dauerte jedoch noch 1 Jahr, ehe Hartinger seine erste Polen-Reise antreten konnte. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Organisation gestrafft und vereinheitlicht. Es wurden Regional-Organisationen geschaffen, die unter anderem die Aufgabe haben, neuen Clubs Starthilfe sowohl in technischer, als auch in organisatorischer Form zu geben. Repräsentanten dieser Organisation waren: Prof. Armon, (Posen),Kozera(Schlesien), Kwiecinski und Juskiewicz (Lodz-Warschau), Kupski (Stettin), Dolny (Bydgoszcs), und Ing. Manitus (Danzig-Gdynia).

Karate Trainerausbildung Polen

Der einheitlichen Trainerausbildung wurde vor allen anderen technischen wie organisatorischen Notwendigkeiten der Vorrang eingeräumt. Die Trainerausbildung führte Hartinger in zwei Gruppen durch. Die Braungurte wurden im „Trainerkurs” nach int. Richtlinien ausgebildet und erhielten nach positivem Abschluß der Kurse einen oder mehrere Club(s) zur fallweisen Mitbetreuung zugewiesen. Der weitaus größere Teil der Trainer, darunter viele Weiß- und Gelbgurte, erhielten im „Assistenztrainerkurs” möglichst viel in kurzer Zeit vermittelt, um es sofort weitergeben zu können. Weißgurte, die einen Club mit über 100 Mitgliedern leiteten, waren damals keine Seltenheit. Viele dieser ehemaligen Weiß- und Gelbgurte sind nun bereits schwarz Gurte, was gleichzeitig eine Trainerausbildung mit weit höheren Anforderungen mit sich brachte.

1977 vereinigt der Verband 69 Clubs in 14 Städten mit ca. 3.000 Mitgliedern, deren Zahl jedoch stark im Steigen war. Leistungszentrum war damals Stettin, das derzeit 50% des Nationalkaders stellte.

Kyu-Prüfungen konnten in regelmäßigen Abständen abgehalten werden und die Ausbildung von Schiedsrichtern wurde begonnen. Im Februar 1976 wurde zusätzlich ein staatlicher Trainerkurs gestartet, der von polnischen Fachleuten (allg. Ausbildung), Ing. Krukowski (Theorie) und Hartinger (Praxis) geführt wurde.

Polen Karate

Der damalige Höhepunkt war die erstmalige Teilnahme eines Ostblocklandes bei einer Europameisterschaft. Obwohl diese EM nur ein Mosaikstein auf dem Weg zum Aufbau einer kampfkräftigen Nationalmannschaft war, soll der Achtungserfolg des jungen Lech Miloszewski nicht unerwähnt bleiben, der sich selbst übertraf und sich ins Achtelfinale vorkämpfen konnte.

1976 erlangte Polen auch die Mitgliedschaft bei der EAKF (European Amateur Karate Federation) und zum Cheftrainer wurde Taiji Kase (8. Dan) unter Assistenz von Dr. Ilja Jorga (4. Dan) ernannt.

Am 4. 9. 76 fand in Stettin die erste polnische Karate-Dan-Prüfung statt. Prüfer: Dr. Ilja Jorga, mehrfacher Europameister und Präsident der techn. Kommission der EAKF. Von den 15 Polen, die sich der Prüfung unterzogen, bestanden neben dem fast 40-jährigen Präsidenten Krukowski aus Stettin noch Sekretär Przemyslaw llukowicz (Posen), Mariusz Pawlowski und Zbigniew Swierk (Danzig), Marek Kozera (Opole), Vodek Kwiecinski (Lodz) und Vaclav Antoniak, Waldemar Jakubiak, Ryszard Karmanski (alle Stettin).

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