Vom Kung-Fu zum Karate

Vom Shaolin-Kung-Fu zum heutigen Karate. Die chinesische Geschichte verweist bei der Entstehung des „Chinesischen Boxens“ (Kung Fu oder Wu-Shu) vielfach auf „Bodhidharma“ (auch: Ddaruma-Taishi, Dot-Mor oder Ta-Mo), dem 28. Nachfolger Buddha’s, der ca. 480-557 n. Chr. lebte. Dieser indische Mönch, der als Sohn des Königs Sugancha der Kriegskaste „Kshatriya“ entstammen soll, kam um 527 nach China, wo er sich wenig später im legendären SHAOLIN-Kloster in der Provinz Honan niederliess, um die buddhistische Lehre des Ch’an (Zen-Buddhismus) zu verbreiten. Entgegen allgemeiner Auffassung ist Bodhidharma aber nicht der Begründer des Chinesischen Boxens, liegt doch das Aufkommen des Kung Fu erheblich weiter zurück, was verschiedene Quellen belegen. So weisen z. B. Wandfresken bei Thiensin (VR China) und verschiedene Vasenfunde (1400 und 700 v. Chr.) auf Faustkampfmethoden hin; die ersten Olympischen Spiele (776 v. Chr.) nennen das „Pankration“ (Allkampf). Außerdem wird oft von chinesischen Meistern auf den Arzt „Hua-To“ (ca. 265-190 v.Chr.) hingewiesen, der in seinem Werk SHU-PU bereits von einer Kampfmethode berichtet, die auf Beobachtung der defensiven und offensiven Bewegungen und Verhaltensmuster von 5 Tieren basierte. Eine andere Quelle wiederum nennt die SHAO-TI-Schuie, die bereits um 220 v. Chr. bestanden haben soll; oder auch die Kunst des „Chi-Chi“ (Schlagen mit Geschicklichkeit), welche um 30 n. Chr. von einem Mann namens „Kwock Yee“ entwickelt wurde. Selbst die Beeinflussung des alten „Ch’uan-Shu“ oder Mönchboxen (was die Existenz einer bereits in China praktizierten Kampfmethode unterstreicht!) durch Bodhidharma ist umstritten. Einige Fachleute nennen den Shaolin-Mönch „Ba-Tuo“ als Gründer der „Lo-Han-Techniken“ (18 Techniken Buddhas). Dass diese Techniken auf die indische Kriegskunst „Vajramushti“ zurückgeht, ist nicht erwiesen.

Die Bedeutung des „Hun-Gar“

Aus dem Ch’uan-Shu (auch: Shaolin-Ch’uan) entwickelte sich in der Folgezeit das eigentliche Shaolin-Kung Fu, basierend auf 172 Techniken, unterteilt in 5 Tierstile (auch: Fünf-Faust-Formen) mit je 3 Bewegungsformen (chinesisch: Kuen oder Tao; japanisch: Kata). Im 18. Jahrhundert erfuhr das bis dahin ausgeübte Kung Fu einen weiteren Aufschwung durch die Schaffung des „Shaolin-toanta“ (auch: Lin-wan-kune), einer Systematisierung von 108 weiteren Techniken, die zusammen mit dem Ch’uan-Shu die fundamentalen Pfeiler der sogenannten „harten Schule“ (auch: Shaolin-pai) darstellen. Nahezu 2/3 aller heute bekannten Kung-Fu-Systeme haben ihren Ursprung im Shaolin-pai, wovon einige (z. B. das „Hung-Gar“) maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung des „Okinawa-te“ und dem späteren „Karate-Do“ hatten.

Shaolin-Kung Fu

Aber gerade über dieses Okinawa-te, ihre Entstehung und über die Menschen, die diese Kampfmethode prägten, wissen wir eigentlich sehr wenig. Es ist die Dojo-Tradition, die die großen Namen am Leben erhalten, so wie den des Bushi „Sokon Matsumura“ und seines Lehrers „Karate“ SAKUGAWA.

Entwicklung aus dem Kung-Fu

Das 19. Jahrhundert, die Glanzzeit Matsumura’s, war eine Zeit des Wandels und eine Zeit des Wachstums der Kampfkünste. Während dieser Epoche wurden die Gründer und geistigen Väter der uns bekannten Karate-Systeme „Goju-Ryu“, „Shorin-Ryu“, „Shotokai“, „Shorei-Ryu“ und „Shito-Ryu“ geboren. Es war eine Zeit, in der auf den Ryu-Kyu-Inseln (Okinawa) die führende Klasse entwaffnet und ihr Land enteignet wurde. Dieses begann mit dem Erlass des damaligen Königs Sho Shin, der dem Adel verbot, Schwerter zu tragen, nachdem Okinawa in der Schlacht von Keicho (Febr. 1906) der japanischen Invasionsarmee unterlag. Die einzige „militärische Macht“, die dem besiegten König verblieben war, war der Befehl über die Polizeitruppen und der königlichen Garde. Aber gerade das Verbot des Tragens von Waffen förderte die Weiterentwicklung der von China stammenden Kampfkunst Kung Fu. Dieses vollzog sich im Untergrund und wurde von den Lords, die ihren Privilegien beraubt waren, unterstützt. Sie förderte auch die militante Gruppe der KURO-TO, die diese Kampfmethode in einer Offensive gegen die japanische Besatzungsmacht nutzte.

Sensei Chojun Miyagi
Sensei Chojun Miyagi

Diese Faustkampftechniken unterschieden sich aber bereits zu diesem Zeitpunkt erheblich von denen der Chinesen, so dass man hier bereits von einer eigenständigen Art sprechen kann, dem „Tode“, „Tote“ oder auch „Tang“. Ihre wichtigsten Impulse erhielt sie durch Sakugawa (1733-1815), der bei Historikern den Ruf genießt, die chinesischen Kampftechniken den Erfordernissen der Ryu-Kyu-Inselbewohnern angepasst zu haben (die erste kulturelle Beziehung zu China erfolgte während der Tang-Dynastie (618-906), was eine deutliche Einbeziehung und Entwicklung des Okinawa-te zufolge hatte).

Ursprung des Ippon

Das Tode (andere Bezeichnungen sind auch „Kenpo“, „Kenpo-Gokui“, „Okinawa-Kenpo“ oder „Te“) ist eine Umschreibung für eine Kampfmethode, die auf radikale und dynamische Trainingsformen hinweist, die es zum Ziel hatte, einen Gegner schnell und mit einem Schlag zu töten (Ikken-His-satsu). Die Bewertungskriterien für einen Ippon gehen auf diese Überlegung zurück (Chi-Mei).

Gogen Yamaguchi Karate
Gogen Yamaguchi

Das Tode wurde geheim geübt und die Schüler sorgfältig ausgesucht, bevor sie in einer „Schule“ aufgenommen wurden. Einer dieser Schüler war Sokon Matsumura (geb. 1792), der im Alter von 20 Jahren in den Dienst des Königs tritt und später Attache wurde. Während dieser Zeit reist er mehrmals nach China, studiert im Shaolin-Kloster die verschiedenen Formen des Kung Fu und gründet nach seiner Rückkehr das „Shuri-te“. Diese neue Kampfkunst wurde die erste Schule des „Okinawa-te“, die auch als „Karate-no-go-gaku-shorin-Ryu“ oder „Kobayashi-Ryu“ bekannt wurde. Letztere Bezeichnung ist lediglich die japanische Übersetzung für Shaolin.

Ein anderer Schüler Sakugawa’s war „Kosaku Matsumora“, der das von Matsumura entwickelte Shuri-te mit eigenen Techniken veränderte und schließlich das „Tomari-te“ (die 2. Schule des Okinawa-te) gründete. Diese Richtung hatte maßgeblichen Einfluss auf das uns heute bekannte „Shorin-Ryu-Karate“.

Entwicklung und Bedeutung der Kata

Mit dem Tomari-te sind berühmte Namen verbunden, wie z. B. der des legendären Seemanns „Chinto“ (die Chinto-Kata des Isshin-Ryu-Karate erinnert an ihn), „Chotoku Kiyan“ und des Lords „Peichin Oyadomari“. Letzterer schuf verschiedene Kata, die während der japanischen Besatzung zur Blüte gelangten.

Die Kata beinhaltet mehrere aneinandergeheftete Selbstverteidigungstechniken. Jede von ihnen hat ein zentrales Thema und eine eigene Identität. So basiert z. B. die „Rohai-Kata“ (Vogelform) auf kurze Angriffe aus einer einbeinigen Standposition (Tsuru-ashi-dachi), die „Useishi-Ka-ta“, heute „Gojushiho“ genannt, beinhaltet einen Angriff mit gespreizten Armen. Aber nicht alle Bewegungen einer Kata kann man in gewissen Situationen anwenden, denn ein sind symbolisch, wie etwa Teile der „Kushanku“, die vermutlich von dem chinesischen Box-Experten „Küng-Hsiang-Chün“ etwa 1780 nach Okinawa gebracht wurde. Die Symbolik der Kushanku-Kata wird aus den Händen gebildet: die Fingerspitzen symbolisieren das Höchste; die Handgelenke stellen Stärke dar; der Kreis in der Mitte bedeutet das Universum (oder endlose Tiefe); der umschließende Kreis steht für Beständigkeit.

Die Kampfkünste innerhalb der Industrialisierung

Doch zurück zur Geschichte! Die damaligen Verhältnisse in Okinawa und Japan hätten sich bis heute nicht verändert, wenn nicht der damalige amerikanische Commodore Matthew C. Perry 1858 in die Bucht von Tokyo eingesegelt wäre und der langen Periode der japanischen Isolation durch den Vertrag von Kanagawa ein Ende machte. Nach Perry’s Kontakt mit Japan begann eine soziale und politische Revolution, welche mit dem Sturz der dekadenten Tokugawa-Shogune 1878 begann. Die alte Feudalordnung der Samurai und Shogune war beendet, die Samurai-Schwerter wurden eingesammelt. Okinawa bekam einen japanischen Präfekten, und die Einwohner wurden Japaner. Diese neue Ordnung brachte Japan die Industrialisierung und auf den Weg in den Weltkrieg.

Dieses war nicht mehr die Welt der traditionellen Kampfkünste Okinawas. Aber alle Bräuche sterben langsam. Matsumura bildete deshalb viele Schüler aus, die die Kunst des Okinawa-te in das 20. Jahrhundert hinübernehmen sollten. Diese zweite Generation des Shuri-te legte die Basis für das Okinawa-te.

Stilrichtungen und Meister

Es waren Männer wie „Yatsutsune Asato“ (1830-1915), „Yatsutsune (Anko) Itosu“ und der große „Kanryo Higashionna“ (1840-1910). Letzterer, den man auch den „Heiligen des Faustschlages“ nannte, studierte unter Matsumura sowie unter chinesischen Meistern des Shaolin-Kung Fu, bis er schließlich seinen Stil aus China mitbrachte, das „Naha-te“ (die 3. Schule des Okinawa-te).

Masutatsu Oyama Karate
Masutatsu Oyama

Asato führte Matsumura’s Werk weiter, studierte aber zusätzlich die verschiedenen Stile des Chinesischen Boxens. Das führte zur Bereicherung und Systematisierung des Karate Shorin-Ryu, brachte aber auch einen weiteren Stil hervor, das „Shorei-Ryu“. Zu den bekanntesten Vertretern des Karate Shorin-Ryu gehören der legendäre „Gajoko Chioyu“, der große „Chosin Chibana“ (1884-1965), „Shoshin Na-gamine“, sowie die Brüder „Shimabuku“. Großmeister Eizo Shimabuku, dem man bereits mit 36 Jahren (!) den 10. Dan verlieh, war lange Vorsitzender des Shorin-Ryu-Karate; sein Bruder Tatsuo Shimabuku (1906-1975) entwickelte das „Isshin-Ryu-Karate“ (der eifrige Weg), das danach durch seinen Sohn Kichiro repräsentiert wurde.

Meister Itosu verwendete eine große Zahl von Matsumura’s Kata und vereinfachte sie in den Bewegungen. Die heute in vielen Karate-Systemen gebräuchlichen „Pinan-Kata“ wurden von ihm entwickelt. Unter der Bezeichnung „Heian“ finden wir sie im „Shotokan-Karate“, als „Heiwan“ (totaler Frieden) im „Sanku-kai-Stil“. Das „Wado-Ryu-Karate“ und verschiedene andere Systeme behielten den ursprünglichen Namen Pinan (friedlicher Gedanke) bei. Später entstanden auf der Grundlage dieser Basis-Formen komplexere Kata, wie z. B. „Seisan“, „Kosoku“ und „Bassai“. Aber noch bedeutender als die Schaffung der Pinan-Kata, waren Itosu’s Bemühungen, das spätere „Itosu-Ryu-Karate“ (Itosu-kai) als ersten Stil an den öffentlichen Schulen und im Polizeidienst zu unterrichten (1903). Diese Form zählt heute zu den wenigen Richtungen, dessen Ausbildung noch stets mit der Handhabung der damals ebenfalls verbotenen „Ko-budo-Waffen“ einhergeht und den Kriegswert widerspiegelt.

Etwa zur gleichen Zeit verbreitete sein Freund Kanryo Higashionna mit seinem Schüler „Chohatsu Kiyoda“ seinen bereits genannten Stil, das Naha-te, aus dem sein Schüler „Cho- * jun Miyagi“ (1888-1953) das „Goju-Ryu-Karate“ schuf. Diese Schule ist eine Synthese aus dem Shuri-te (die Gekisai-kata gehen auf Meister Itosu zurück) und dem Naha-te und ist die erste Form, die über die Grenzen Japans hinaus bekannt wurde. Einer der bekanntesten Förderer des Goju-Ryu war der damalige US-Präsident Teddy Roosevelt.

Ein anderer Schüler der großen Meister Itosu und Higashionna, war „Kenwa Mabuni“ (1893-1957), der das tempoorientierte „Shito-Ryu-Karate“ entwickelte. Diese Form wird heute von „Ryusho Sakagami“ (geb. 1915) repräsentiert, dem Senior-Berater der „Federation of All-Japan Ka-rate-Do Federation“. Sein Sohn „Sa-daaki Sakagami“ (geb. 1947) wurde 1970 der erste Weltmeister des Karate-Do.

Der bereits oben genannte Karate Shorei-Ryu-Stil (auch: Shoreiji-Ryu) ist ein kraftbetontes System („der kräftige, kurze Stil“) und bildet zusammen mit dem Karate Shorin-Ryu die Grundlage des „Shotokai-Karate“, das von dem berühmten „Gichin Funakoshi“ (1869-1957), dem Vater des modernen Karate, geschaffen wurde.

Karate Sport
Karate, heute ein dynamischer Sport.

Das Shotokai wurde erstmals 1914 von Meister Funakoshi auf Einladung des Erziehungsministeriums in Japan demonstriert und hatte einen beachtlichen Erfolg: obgleich Karate, wie es seit 1906 von „Nagashiji (Chomo) Ha-nagi“ genannt wurde, im Gegensatz zu den meisten BUDO-Disziplinen, nicht der Zen- oder Samurai-Tradition zugehörig ist, haben es sich die Japaner schnell zu eigen gemacht. Der äußerst ausgeprägte Nationalismus und die wachsende antichinesische Einstellung (sie führte 1937 zum Krieg gegen China) führte dazu, dass Funakoshi annahm, die Schriftzeichen für Karate in ihrem Sinn so verändern zu müssen, da bei gleicher Aussprache aus „chinesischer Methode“ oder „Tang-Hand“ die Bedeutung „leere Hand“ entsteht. Zusätzlich übernahm Funakoshi das „Do-Prinzip“, die intellektuelle Ausdrucksform der bestehenden Budo-Künste (1936) und konnte der Welt Karate-DO als Kunst veranschaulichen. Die Entwicklung der „Taikyoku-Kata“ (die japanische Bezeichnung für die chinesische Kampfkunst „Tai-chi“) geht auf Funakoshi zurück.

Ihm folgten schon bald weitere Meister von Okinawa nach Japan: im Jahre 1929 Kenwa Mabuni mit dem Shito-Ryu-Karate; 1930 folgt Chojun Miyagi mit dem Goju-Ryu-Karate. Sie wiederum haben berühmte Männer hervorgebracht, die ihre eigenen Erfahrungen, Überlegungen und Ideen in neuen Formen zum Ausdruck brachten. Meister „Masatoshi Nakayama“ (geb. 1913), ein Schüler Funakoshi’s, entwickelte das „Shotokan-Karate“ und gab der waffenlosen Kampfkunst das bis dahin fehlende Element „Ku-mite“. Im Shotokai-Stil fehlt dieser Aspekt des Karate-Do, da ein Kampf „nur zum Spaß“ nicht logisch sein kann (Funakoshi).

„Teruo Hayashi“ schuf eine moderne Form des „Kobudo“ (Waffenkunst-Techniken), die er „Kenshin-Ryu“ nannte und als tragendes Element dem Shito-Ryu-Karate hinzufügte (Hayashi-ha-shito-Ryu).

Zwei weitere große Meister sind „Tani“ und „Nanbu“, die ihrerseits aus dem Shito-Ryu-Karate beachtenswerte Neuerungen bildeten. Meister Tani entwickelte aus dem bereits genannten Shorin-Ryu und Shito-Ryu den Stil „Shukokai“, in gewisser Hinsicht wohl die modernste Methode, werden doch derzeit Forschungen betrieben, die die Wirksamkeit der Techniken und ihre optimale Kraftübertragung analysieren. Zu den bekanntesten Vertretern dieser tempoorientierten Richtung gehören die Meister „Anai“, „Higazaki“ und der Weltmeister von 1976, „Higgens“ (Großbritannien).

Yoshinao Nanbu (geb. 1943) revolutionierte das Karate in einer bis dahin nicht gekannten Weise, in dem er sämtliche Blockierungen durch. Ausweichmanöver, ähnlich dem „Aikido“, ersetzte, was somit schnellere Angriffe ermöglichte. Einer der herausragenden Sankukai-Stilisten ist der Italiener „Ennio Falsoni“, Vize-Weltmeister im Sankukai 1976.

Yoshinao Nanbu Karate
Yoshinao Nanbu

Der wohl bekannteste Schüler Miyagi’s ist „Gogen Yamaguchi“ (geb. 1909), der aufgrund seiner geschmeidigen, katzenhaften Bewegungen den Beinamen „Neko“ (Katze) führt. Er kreierte seine Form des Goju-Ryu-Karate, das „Gojukai“, das sich heute insbesondere in den USA großer Beliebtheit erfreut. Die Gojukai-Vereinigung in Amerika zählte heute über 300000 Anhänger. Das Goju-Ryu-Karate (Schule der Kraft und Geschmeidigkeit) ermöglicht die Erlangung außergewöhnlicher Kraft durch geschmeidige, aber kräftige Arbeit, bei der Rhythmus und Atmung von großer Bedeutung sind. Spezielle Kata, wie z. B. „Sanchin“ und „Tensho“ unterstreichen diese Atemmethode und unterscheiden sich deutlich von denen Itosu’s. Ein weiterer Aspekt ist die geistige Schulung, die vor der Erlangung technischer Reife steht.

Ein anderer großer Meister, der schon zu Leibzeiten eine Legende war, hieß „Hironori Ohtsuka“ (1882-1981). Sein Studium der klassischen japanischen Kampfkünste, insbesondere die des „Yoshin-Ryu-Jiu-Jitsu“, gaben ihm die Möglichkeit, das von ihm unter Funakoshi praktizierte Shotokai-Ka-rate durch Jiu-Jitsu-Techniken zu bereichern. Es finden sich deshalb sowohl Blockierungen als auch Ausweichbewegungen in Verbindung mit Hebel- und Wurfelementen in seinem Stil, dem „Wado-Ryu“. Meister „Hiroo Mochizuki“, ein Schüler Ohtsuka’s, erweiterte diese Methode durch Elemente des Aikido (vergleiche: Sanku-kai-Karate) und schuf somit ein ausgezeichnetes Konzept der optimalen Anhäufung von Techniken („Yo-seikan-Budo“).

Im Jahre 1947 gewinnt ein junger Karate-ka des Goju-Ryu-Karate die 1. offene Karate-Meisterschaft in Kyoto/ Japan. Das Training unter den Meistern Funakoshi und später unter „Sodeiji“, tragen ihre Früchte. Doch der Ehrgeiz des gebürtigen Koreaners scheint grenzenlos: drei Jahre verbringt Meister „Masutatsu Oyama“ in der Abgeschiedenheit der Kiyozumi-Berge, um seine Techniken zu vervollkommnen, bis er schließlich mit einer eigenen Karate-Philosophie in die Zivilisation zurückkehrt. Neben zahlreichen Vorführungen, insbesondere in den USA und Europa, wird das von ihm geschaffene „Kyoku-shinkai-Karate“ auch in Japan durch eine bis heute unerreichte Leistung Oyama’s demonstriert: Oyama (geb. 1923) bewies durch einen sensationellen Kampf gegen einen Stier, den er bereits nach nur 35 Minuten besiegt und mit der Faust getötet hatte, zu welchen Leistungen ein Karate-ka in der Lage ist. Er hat bis heute mit 52 Stieren gekämpft, wobei drei getötet wurden. Die anderen hatten immerhin abgeschlagene Hörner.

Das Kyokushinkai Karate ist ein kraftbetonter Stil, der mit vollem Kontakt ausgetragen wird. Eine Einschränkung gibt es nur bei Fausttechniken zum Kopf, jede Art von Handkantenschlägen und Fingerstöße, sowie Angriffe gegen Rücken und Genitalien. Daneben gibt es noch verschiedene Techniken, die diese Methode besonders kennzeichnet: kreisende, sich wiederholende Fußschläge und den Low-Kick, eine Art Halbkreisfußtritt (Mawashi-geri-gedan), der den Gegner auf Wadenhöhe trifft und das getroffene Bein bewegungsunfähig macht. Außerdem ist der Schlagtest („Tameshiwari“) fester Bestandteil von Training und Wettkampf. Zu den bekanntesten Kyokushinkai-Stilisten gehört u. a. der Doppelweltmeister von 1977, Otti Roethoff (Niederlande).

Die hier aufgezeigten Karate-Systeme sind die am häufigsten praktizierten Stile aus Okinawa und Japan. Es ist nur eine Auswahl von ca. 30 derzeit bestehender Schulen (Ryu).

Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß neben den genannten Methoden, die alle ihren Ursprung im Shaolin-Kung-Fu haben, noch andere Kampfkünste entstanden sind. Diese haben ihren Ausgangspunkt in der sogenannten „weichen Schule“ (chinesisch: Wutang-pai oder Shansi), die ihrerseits aber auch eine Verbindung zum legendären Shaolin-Kloster erkennen lässt. Zu den bekanntesten Formen gehören das „Tai-chi-ch’uan“, „Pakua-ch’uan“ und das „Hsing-l-ch’uan“. Diese Künste finden derzeit einen unerwarteten Anklang, insbesondere in Japan, wo sie unter der Bezeichnung „Butosan“ sehr populär sind. So ist es nicht verwunderlich, wenn sich große Meister des Karate ebenfalls dieser Form widmen, wie z. B. der Shoto-kan-Stilist „Hirokazu Kanazawa“.

Eine Synthese dieser chinesischen Künste ist das von „Konichi Sawai“ (geb. 1903) geschaffene „Tai-ki-ken“ und m. E. das „Shorinji-Kenpo“ von Meister „Soshin Do“ (geb. 1911). Aber auch die anderen asiatischen Faustkampfmethoden, wie z. B. das koreanische „Taekwondo“, „Kuk-Sool-Won“ und „Hapkido“, das indonesische „Pentjak-Silat“, das thailändische „Muai-thai“ (Thai-Boxen), das vietnamesische „Viet-Vo-Dao“, das „Bersilat“ aus Malaysia oder das „Bando“ aus Birma, haben ihren Ursprung im Chinesischen Boxen.