Wing Tsun Kung Fu

Ist Wing Tsun (W.T.) mit Wing Chun (W.C.) identisch oder bestehen gravierende Unterschiede? Bei gleicher Aussprache (wing tschun) ist die Schreibweise WING TSUN die richtigere. Wichtiger aber ist, dass der Name «Wing Tsun» als rechtlich geschütztes Markenzeichen für Qualität bürgt. So kann die Bezeichnung «Wing Tsun» nicht wie es leider mit «Wing Chun» oft geschieht, von unqualifizierten Lehrern und Autoren missbraucht werden.

Wing Tsun Kampfsport

Um das System, das Leung Ting persönlich von Großmeister Yip Man erlernte, vor Verfälschungen und Verbesserungen zu schützen, darf nur der behaupten, Wing Tsun zu lehren, der das offizielle Lehrdiplom Leung Tings besitzt. Zur Zeit sind nicht viele im Besitz dieser Urkunde.

Das Lehrprogramm des Wing Tsun

Der Wing Tsun-Anfänger beginnt mit der SIU NIM TAU (« Kleine Idee »), der 1. Kuen oder Form, die über 100 der wichtigsten Handtechniken umfasst. Allerdings handelt es sich hier nicht wie z.B. bei japanischen Karate-Kata um einen imaginären Kampf, sondern um eine nach bestimmten Gesichtspunkten geordnete Folge von Bewegungen, an der nur die Arme beteiligt sind. Der Stand (Yee Chi Kim Yeung Ma) wird während der ganzen 1. Form beibehalten.

Charakteristisch für den Wing Tsun-Pferdestand, der auch IRAS (Internal Rotated Adduction Stance) genannt wird, sind die dreieckige Grundfläche, die Spannung der Knie zueinander und die vorgeschobene Hüfte. Neben dem IRAS entwickelt die erste Kuen die Handabwehren und die Kraft der sog. «Langen Brücke». Diese im Englischen « Long Bridge Power» genannte Kraft verleiht einem Faust- oder Handflächenstoß auf die kurze Distanz nur weniger Zentimeter eine gewaltige Wirkung. Bei Demonstrationen setzt der Meister einem Freiwilligen seine Faust bei fast gestrecktem Arm auf die Brust. Dann streckt er den Arm völlig, und das «Opfer» wird nach hinten katapultiert und überschlägt sich mitsamt dem Stuhl, der hinter ihm den Fall bremsen soll.

Wing Tsun Schlag

Diese in Wirklichkeit durchaus nicht geheimnisvolle Kraft wird hauptsächlich durch die ausgeklügelten Muskel- und Gelenkübungen der Siu Nim Tau entwickelt. Der Meister kann alle seine Gelenke willentlich kontrollieren. Vom Hals bis zum Fuß vermag er seine Gelenke aus- und wieder einzurenken und ist dadurch praktisch nicht zu hebeln. Darüber hinaus gelingt es einen selbst mit drei starken Judoka nicht, auch nur einen Arm Leung Tings festzuhalten. Eine leichte Handbewegung des Meisters reicht aus, um alle übereinander purzeln zu lassen. Bei Demonstrationen geht der Meister durchs Publikum und lässt es das spezifische Geräusch jedes einzelnen Gelenks hören. Den stärksten Karateka bietet er an, ihm das Ellbogengelenk mit zwei gleichzeitig geführten Blocks (z.B. Soto-Ude-Uke)zu brechen. Aber selbst bei den stärksten Doppelschlägen bleibt der Arm stets unverletzt.

Dies ist durchaus kein Fakirtrick, sondern von größter Bedeutung weil es eben gerade die Gelenke sind, die im Wing Tsun die Kraft nach dem Peitschenprinzip übertragen wie die Glieder eines Stockes aus Rattan-Holz.

Nicht zuletzt ist Siu Nim Tau eine vorzügliche Konzentrationsübung Trainieren Fortgeschrittene im Winter, kann man beobachten, wie ihre Handflächen dampfen. Einige Großmeisterkönnen die natürliche Farbe der Handfläche von hell in fast schwarz verwandeln (sog.« Schwarze Hand»), Dies wird in China als Gradmesser des höchsten «Kung Fu » (hier wird der Ausdruck «Kung Fu» in seiner eigentlichen Bedeutung «Können, Fertigkeit» verwendet) angesehen.

In der zweiten Form, CHUM-KIU, (« Suchende Arme ») lernt der Fortgeschrittene fast alle Wing Tsun -Abwehrtechniken — und diesmal in der Bewegung. Hier gibt es auch Schritte, Wendungen, verschiedene Fauststöße und Fußtritte.

Die schwierigste Wing Tsun Form

Die schwierigste Form ist die dritte, BIL-TZE («Stoßende Finger»), Sie besteht aus reinen Angriffstechniken, nach dem Postulat, daß Angriff die beste Verteidigung sei. Bil-Tze ist eine sehr elegante, geschmeidige Form, aber mit einem Hauch tödlicher Wirksamkeit.

Erst wenn der Schüler fähig ist, sich sicher zu verteidigen, und wenn seine Schlagkraft entwickelt ist, darf er die reinen Angriffstechniken üben, um im Ernstfall den Gegner mit dem ersten Schlag ausschalten zu können.

Bil-Tze lehrt aber auch, einen vernichtenden Fauststoss zu stoppen, bevor er auftrifft, und ihn in einen harmlosen Handflächenstoß zu verwandeln, der den Gegner zurückwirft, aber nicht verletzt.

Nicht zufällig ist diese Einteilung : “1.Form — Grundtechniken im Stand, 2. Form —Abwehrtechniken und erst dritte — reine Angriffstech- dies eine Sicherung, charakterlich ungeeignete Schüler auszusondern, bevor sie zu viel wissen, um wirklich gefährlich zu werden.

Wing Tsun Kung Fu

Zwischen der ersten und zweiten Form oder währenddessen lernt der Wing Tsun-Schüler ein- und zweiarmiges CHI-SAU (« Klebende Hände ») (Bilder 4 u. 5). Diese Übung ist die Seele des Wing Tsun und unterscheidet es maßgeblich von anderen Systemen. Es lässt sich nur mit einem Partner ausführen und soll eine Übersensibilität der Arme entwickeln, so dass man auf Seh- und Gehörsinn verzichten kann.

Wenn einmal Kontakt mit dem Arm des Gegners hergestellt worden ist, sei es im Angriff oder in der Verteidigung, kann dieser ihn nicht wieder brechen, bzw. die in den Formen gelernten Techniken führen reflexartig zum Ziel. Aus Chi-Sau wird später der Freikampf mit Kontakt bei leichtem Kopf-und Handschutz entwickelt. Die höchste Schwierigkeitsstufe stellt Chi-Sau mit verbundenen Armen dar.

Techniken an der Holzpuppe

Nach der dritten Form lernt man einzelne Waffensätze und einzelne Bewegungsfolgen der berühmten 116 MUK YAN CHONG (Techniken an der W.T.-Holzpuppe), die der verstorbene Yip man nur seinen beiden Söhnen, Leung Ting und drei weiteren Lieblingsschülern zeigte. Bruce Lee bemühte sich vergeblich um die Holzpuppentechniken.

An Waffen lernt der Fortgeschrittene die Techniken des Langen Stocks, die der Shaolin Meister Gee Sin, ins System einbrachte.

Zu den Geheimtechniken im Wing Tsun gehören die BART-CHAM-DAO (« Die acht Wege, mit dem Messer zu kämpfen »). Wing Tsun verwendet die sogenannten «Doppelmesser» und zwar fast immer paarweise.

Es ist folgende Rangordnung gültig : Chum-Kiu schlägt Siu-Nim-Tau, Bil-Tze Chum-Kiu, Muk-Yan-Chong Bil-Tze. Über alle genannten siegt der Lange Stock/der aber seinen Meister in den Doppelten Messern findet.

Kung Fu lernen

Regelmäßig sind also Sicherungen eingebaut, um nur dem Würdigen das ganze System zu erschließen. Ein Wort zum Ablauf des typischen Wing Tsun-Unterrichts. Wer erwartet, dass die Stunde nach japanisch koreanischem Muster mit Freiübungen, spezieller Gymnastik oder gar Konditions- und Kraftübungen beginnt, sieht sich getäuscht.

All dies hat keinen Platz im traditionellen chinesischen Unterricht. Für dergleichen, wie auch für Sandsackarbeit usw. werden für Fortgeschrittene bestimmte Stunden angesetzt. Die Zeit des Sifu aber ist zu wertvoll und zu schade, um sie an die Beaufsichtigung von Rumpfbeugen und Liegestütz zu verschwenden. Auch handelt es sich in Hongkong meist um kommerzielle Schulen, in denen der Schüler 50 Euro monatlich für zwei bis dreimaliges Training in der Woche zahlt. Deshalb erwarteter während des 1 1/2 ständigen Trainings 1 1/2 Stunden Kung Fu und nicht zwanzig Minuten Gymnastik, fünf Minuten Meditation, 45 Minuten Kung Fu und zwanzig Minuten Konditions- und Kraftarbeit.

Traditionell chinesischer Unterricht

Ein Lehrer, der in Hongkong so verführe, wäre bald ohne Schüler. Denn man würde zwangsläufig annehmen, dass er nicht genug weiß, nicht genug Material hat und deshalb seine Schüler mit anderen Dingen hinhält, damit seine Unwissenheit nicht so bald offenkundig wird. Wing Tsun ist eine sehr sparsame, sehr praktische Kampfkunst. Im Wing Tsun glaubt man, dass z.B. die beste Übung für einen Fauststoß der Fauststoß selber sei. Will der Wing Tsun-Mann sich deshalb zu Beginn des Unterrichts aufwärmen, so geschieht das durch die Wing Tsun-Formen, die gleichzeitig auf geniale Weise die Gymnastik darstellen.

Traditionell chinesischer Unterricht

Die ausgeprägte Praxisnähe des Wing Tsun, welche keine unnütze Bewegung in seinem Repertoire aufweist. Denn Wing Tsun ist nicht so sehr als Sport, sondern als Kunst der Selbstverteidigung für den Ernstfall zu verstehen. Und auf der Straße werde ich bei einem Angreifer kaum auf Verständnis stoßen, wenn ich ihm zurufe : « Halt, warte noch einen Augenblick, ich möchte mich erst noch warmmachen. Bei der Gelegenheit können wir dann auch die Kampfregeln festsetzen : Keine Angriffe zum Kopf und zu den Genitalien, keine Haltegriffe, Hebel und Würfe. Wer den anderen K.O. schlägt, hat verloren».

Natürlich ist dieses Beispiel überzeichnet. Niemand wird sich so verhalten. Auch der Budo-Künstler, der im Ernstfall dreimal die Formel : «Ich mach Judo!» zur Warnung seines Herausforderers spricht oder diesem seinen Karate-Ausweis zeigt, existiert nur in meiner bösartigen Phantasie.

Wing Tsun bietet fast alle Vorteile eines Sportes ohne wirklich einer zu sein. Als Kunst, als Weg der Selbstverwirklichung geht W.T. über die Grenzen eines Sports (lateinische Bedeutung : Zerstreuung) weit hinaus, ja ist diesem Ziel vielleicht sogar entgegengesetzt.

Dazu kommt die patriarchalische Familienstruktur einer chinesischen Kung Fu-Schule. Das Oberhaupt der Schule ist der Sifu (Vater-Lehrer), seine Schüler, die To-dai, werden als seine Söhne bzw. Töchter angesehnen, selbst wenn sie an Jahren älter sind. Alle To-dai sind untereinander Brüder und Schwestern und sprechen einander auch so an. Der an Kung Fu-Jahren ältere Bruder, der dem Sifu gelegentlich assistiert, wird Si-hing («Älterer Bruder») genannt.

Zur Graduierung im Wing Tsun Kung Fu

Es gibt Schüler-und “Meister”-Grade. Der letzte Schülergrad entspricht in seiner Funktion etwa dem Braungurt in Budo-Arten. Wir kennen im Wing Tsun 12 « Meister » – Grade. Die Anführungsstriche sind deshalb nötig, weil es im chinesischen Kung Fu eigentlich in jedem System, jeder Schule nur einen Meister (engl. Master) gibt. So ist Leung Ting « Master of Wing Tsun ». Der 1. bis 4. « Meister »-Grad wird eigentlich Techniker-Grad genannt. So spricht man vom 1. oder 2. Techniker. In der Techniker-Prüfung, die einen Monat dauert, werden technisches Können und Kampfstärke bewertet. Danach folgen die Praktiker, 5. bis 8. Grad W.T. Hier werden spezielle Fähigkeiten und Routine, die erst nach Jahrzehnten erworben können, verlangt: Besondere Schlagtests für Yau- und Gong-Kraft, Zollschläge, Chi-Sau-Kämpfe mit verbundenen Augen, Nahkampf-Tritte aus der Puppenform, Beherrschung des Langen Stockes u.v.a.m. Der 9. bis 11. Grad wird nur ausgesprochen, wenn überragende Kenntnisse akademischer Art auf den Gebieten der Philosophie, Geschichte, Theorie und Praxis aller Kampfkünste nachgewiesen werden können, und der Kandidat sich um die weltweite Verbreitung des Wing Tsun verdient gemacht hat. Der 12. Meistergrad wird nur nach dem Tode verliehen. Er bedeutet nämlich Perfektion, die niemand erreichen kann.

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